Als nach dem Tod von Lena aus Emden ein 17-Jähriger verhaftet wurde, verbreiteten sich über soziale Netzwerke innerhalb von Sekunden persönliche Daten des Verdächtigen. Auf Facebook wurde sich empört, wurde beschuldigt und sich berauscht.
Manche forderten die Todesstrafe, einige wenige zogen sogar bis vor die Polizeiwache, um den Verdächtigen zu lynchen . Doch der 17-Jährige war unschuldig, und muss nun mit den Gerüchten und Verleumdungen leben, die sich über das Netz so rasch verbreiteten.
Auf dem Blog von quer kann man den Clip nachschauen, der zeigt, wie schnell “Schwarmintelligenz” in “Schwarmdummheit” umschlagen kann.

Für den quer-Beitrag habe ich Prof. Armin Nassehi, Soziologe an der LMU München, interviewt. Er meint, dass Emden ein Extremfall ist, der zeigt, dass das Medium Internet an sich unverdächtig ist. Unsere Praxis aber, unser Umgang mit den sozialen Netzwerken, ist keineswegs so unverdächtig:
“An den Fall in Emden kann man auch sehen, dass Schwärme Dinge tun, die wir womöglich nicht so gerne sehen würden: Wenn man etwa daran denkt, dass das Internet auch ein Pranger sein kann, an dem man die Existenz von Personen zerstören kann. Die Schwelle der Peinlichkeit, sozusagen etwas Schlechtes über jemanden zu sagen, sinkt im Netz dadurch, dass man nur noch Teil eines Schwarms ist und kein Individuum, das vor einem Gegenüber steht und womöglich gerade stehen muss für etwas, das man sagt.”
Daniel Leisegang schreibt in einem lesenswerten Text auf Carta ebenfalls über den Fall in Emden: die digitale Gestapo. Leisegang fordert, dass die Nutzer auch im Internet Verantwortung für die Folgen ihrer Handlungen übernehmen müssen.
“Diese Verantwortung fällt inzwischen für jeden Einzelnen jedoch weit größer aus als noch vor wenigen Jahren – auch, weil wir heute mehr öffentlich kommunizieren. Entscheidend ist aber, dass digitale Informationen innerhalb von Sekunden viele Millionen Menschen erreichen können.”
Denn das ist nicht mehr irgendeine Netzgemeinde, die da auf Facebook kommuniziert, sondern es sind alle, die im Netz unterwegs sind – und das sind mittlerweile eben eine ganze Menge Leute.